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Emojis und Social Media: Die Natural Born Killers der Ernsthaftigkeit

Aktualisiert: 4. Juli

Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrise – welche lustigen Emojis könnte man einsetzen, um solche ernsten Themen möglichst zu infantilisieren? Das scheinen sich viele Leute auf Social Media zu fragen. Und finden Antworten. ChatGPT sei Dank – denn jetzt lassen sich Social-Media-Posts inklusive des Emoji-Konfettiregens auf Knopfdruck produzieren.


Genau dreissig Jahre ist es her, seit die beiden Serienkiller Mickey und Mallory Knox eine blutige Spur der Verwüstung durch die USA zogen; mordend fuhren sie quer durch mehrere Staaten und töteten über 50 Menschen. Begleitet auf ihrem Höllenritt wurden sie von Kameras und Reportern aus aller Welt.


Wie Sie sicher wissen, sind Mickey und Mallory Knox keine echten Personen, sondern fiktive Charaktere aus Oliver Stones Kinoereignis «Natural Born Killers».




Der Film sorgte damals für viel Aufruhr, in einigen Ländern wurde er sogar verboten. Der Vorwurf: Der Film verherrliche Gewalt, obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Wer nämlich hinsah, konnte erkennen, dass der Streifen mit seiner MTV-esquen Optik, in der ein Clip den nächsten jagt, die Banalisierung von Gewalt durch sensationslüsterne Medien eher anprangerte als verherrlichte. Es handelt sich um eine bissige Satire, wenn auch missverstanden.


Gewalt und menschliches Leid als banales Unterhaltungsereignis


Der Film zappte sich selbst durch verschiedene TV-Formate und illustrierte so, wie Gewalt zu einer belang- und zusammenhanglosen, oberflächlichen Unterhaltung für die abgestumpften Massen geworden war, befeuert durch das Fernsehen mit seinem endlosen Strom an Bildern, als würde jemand immer weiter Briketts in den unersättlichen Schlund eines Krematoriums werfen.


So wurde zum Beispiel auch der Missbrauch von Mallory Knox durch ihren Vater in einer Al-Bundy-Sitcom-Manier gezeigt: Die schlimmen Szenen wurden mit Lachkonserven untermalt – eine absichtliche Verstörung der Zuschauer und Parodie darauf, wie vorgekäute Lacher im «richtigen» Fernsehen einen Reiz für den passiven TV-Konsumenten setzen und ihm befehlen: «Jetzt hast du dich zu amüsieren.» Ob lustig oder nicht.


Wir amüsieren uns zu Tode


Lange bevor «Natural Born Killers» in die Kinos kam, hatte Neil Postman, Medientheoretiker mit Professur an der New York University, sein berühmtes Buch «Wir amüsieren uns zu Tode» geschrieben. Ohne zu wissen, was noch alles auf uns zukommen würde, sagte er schon damals:


«[…] Das Fernsehen verwandelt das gesamte öffentliche Leben in Unterhaltung: unser unbändiger Appetit auf das Fernsehen macht Inhalte im Überfluss verfügbar, ohne Rücksicht auf den Kontext, sodass wir von der Informationsschwemme überwältigt werden, bis das, was wirklich bedeutsam ist, verloren geht und es uns egal ist, was wir verloren haben, solange wir nur unterhalten werden.» (Übersetzung und die Kursivsetzung von mir.)


Wem diese Sätze seltsam vertraut vorkommen, obwohl sie in den Achtzigern geschrieben wurden – ersetzen Sie Fernsehen durch «Social Media» und Sie wissen warum.


Denn heute mehr denn je zieht eine entkontextualisierte Informationsschwemme in winzigen Fetzen über unsere winzigen Bildschirme, ohne Anfang und ohne Ende, und verunmöglicht uns, uns in ein Thema zu vertiefen. An die Stelle der vertieften Auseinandersetzung ist das stumpfsinnige Scrollen getreten.


Hui, das Klima spinnt! [Tornado-Emoji, Entsetztes-Gesicht-Emoji]

Nun gehören die «Socials» zu den wenigen Medien, mit denen man seine Botschaft relativ kostengünstig und einfach unter die Leute bringen kann – ob man Beerdigungsinstitut, Glacé-Verkäufer oder grosser Versicherungskonzern ist.

Aber was Segen ist, ist auch Fluch: Einmal abgesehen davon, dass man als Konsument in der Informationsflut buchstäblich ertrinkt, buhlen sämtliche Akteure – ob Firma oder Einzelperson – um die «eyeballs» der Leute, also um deren Aufmerksamkeit; und die Leute, weil sie sich schon nicht mehr vertiefen können, wollen zumindest unterhalten werden, während sie ihr Smartphone wie eine Slot-Maschine im Kasino traktieren.


Also sieht man immer häufiger Posts wie diese, die einerseits eine ernsthafte Botschaft transportieren, andererseits diese Botschaft in verdaubaren Häppchen und in unterhaltender Form servieren wollen:

(Quelle: ChatGPT)


Ja, was bedeutet das für uns?


Was bedeutet es, wenn unterdessen jede Botschaft mit Emojis gespickt ist und sie in ihrer Tonalität eher an Tom und Jerry oder «Falsches Spiel mit Roger Rabbit» erinnert und sich Realität und Cartoon vermischen?


Was bedeutet es, wenn immer mehr Social-Media-Beiträge nicht von Menschen, sondern von ChatGPT (und seinen Konkurrenzschreibmaschinen) produziert werden, weil die Menschen zu sehr in Zeitnot, zu faul oder zu unbedarft sind, um noch selbst zu denken und zu schreiben?


Nun, frei nach Postman bedeutet es die Infantilisierung des Diskurses, es bedeutet, dass widersprüchliche Botschaften gesendet, es bedeutet, dass ernste Themen banalisiert werden, die eine ernste Betrachtung und eine ernste Reaktion erfordern würden.


Stattdessen sieht man die Beule auf Toms Kopf im Zeitraffer wachsen, hört die Vögel drumherum zwitschern, sieht das wütende Gesicht des berühmten Trickfilmkaters und lacht; ist ja nichts passiert.


Man hört das Kichern und Johlen der Lachkonserve aus dem eigenen Social-Media-Feed aufsteigen. Alles halb so wild.


Die Emojis werden einem wie Nuggis in den Mund geschoben.


Also keine Emojis mehr?


Heisst dass, Sie sollen gar keine Emojis mehr einsetzen dürfen? Nein, das will ich damit nicht sagen. Denn nicht die Emojis sind das Problem, sondern der Kontext, in dem sie gesetzt werden. Es sollte situativ entschieden werden, ob ein Emoji einem Text eher schadet oder nützt – entweder von Botschaft zu Botschaft oder wenn man die Brand Voice seines Unternehmens definiert.


Aber da die Leute keine Zeit haben und neuerdings die Entscheidung, wie die Beiträge auszusehen haben, ChatGPT überlassen, kommen diese immer in Cartoon-Optik daher – ob etwas über die bevorstehende Klimakatastrophe gesagt wird oder dass demnächst der Zirkus in die Stadt kommt.


Denn ChatGPT, dieser Spiegel unserer im World Wide Web ausgedrückten kollektiven Seele, macht automatisch Emojis, sobald wir es um einen Social-Media-Beitrag bitten.


Für ChatGPT sind die sozialen Medien ein Ort, wo Botschaften in verdaubaren Amuse-Bouches serviert und mit Emojis garniert werden. Etwa so:

(Quelle: LinkedIn)


Und hier – behaupte ich – schaden Emojis eher als dass sie nützen. Hier sind sie die Natural Born Killers des ernsthaften Diskurses.

Aber überlassen wir das Schlusswort am besten Neil Postman:


«Wenn die Leute sich von Trivialitäten ablenken lassen, wenn das kulturelle Leben zu einer immerwährenden Unterhaltungsveranstaltung umdefiniert wird, wenn der ernsthafte öffentliche Diskurs in einer Art Babysprache geführt wird, wenn, kurz gesagt, aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variété-Nummer verkommen, dann ist eine Gesellschaft in Gefahr.»


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