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  • Jelena Martinelli

Teufel, Tod und Guggenmusik: Wieso wir «Quarantäne» sagen

Aktualisiert: Juni 19

Quarantäne? denken Sie vielleicht, wieso jetzt Quarantäne? Das ist doch ein alter Hut. Es ist Juni, Corona demnächst zu einer fernen Erinnerung verblasst und Sie überlegen sowieso gerade, ob Sie nicht kurz nach Konstanz in den Aldi fahren sollten, schliesslich ist die Grenze seit ein paar Tagen wieder offen. Wieso komme ich jetzt also mit der Quarantäne wie die alte Fastnacht?


Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir ist das Wort inzwischen ein integraler Teil meiner Alltagssprache geworden, oder eher: Es hat sich in meiner Zunge festgebissen wie eine lästige Zecke. Kaum ein Lebensbereich, wo es sich die Quarantäne nicht gemütlich gemacht hätte. Erst kürzlich habe ich einen Flug umbuchen und meine Buchungsreferenz angeben müssen. «R wie Rosa, Z wie Zürich, Q wie… äh… Q wie… wie denn nun… Q wie… Q wie Quarantäne!» hörte ich mich ausrufen, nachdem kurz zuvor mein Gehirn eine halbe Stunde in chilliger Musik mariniert worden war. Mittlerweile verwende ich Quarantäne, so wie ich Pouletschenkel sagen würde. Es ist eine Alltagsvokabel geworden.


Aber haben Sie sich schon mal gefragt, was das Wort eigentlich bedeutet? Sich zu isolieren, wenn man krank ist, sagen Sie jetzt. Schon klar. Aber das meine ich nicht sondern den Ursprung des Wortes.


Zum ersten Mal stutzig wurde ich, als ich jemandem den Weg auf Italienisch erklären und «noch etwa 40 Meter» sagen wollte, und mir das «quaranta» einfach nicht über die Lippen kam. Stattdessen stotterte ich etwa viermal hintereinander Quarantäne und hatte das Gefühl, mein Gehirn hätte sich tatsächlich einen Virus eingefangen: «Quarantäne metri, poi a destra…» stirnrunzelte ich, wissend, dass etwas nicht stimmte, aber ich kam nicht drauf, was.


Doch fangen wir bei Ihrer Theorie der Isolation von Kranken an – Sie haben selbstverständlich recht. Die Quarantäne hat sogar eine lange Geschichte: Schon 1374 verbot Venedig pestverdächtigen Schiffen die Hafeneinfahrt, während die Republik Ragusa, das heutige Dubrovnik, von Reisenden und Kaufleuten verlangte, sich vor dem Betreten der Stadt vierzig Tage in Lazaretten zu isolieren, um die Pest nicht einzuschleppen. In Venedig wurde Italienisch gesprochen, klar, und in Ragusa auch, dort einfach von den Eliten. Vierzig Tage. Quaranta giorni. Verstehen Sie? Irgendwann wurde über ein paar Umwege aus Quaranta Quarantäne. Na?


Man vermutet jedoch, dass die vierzig Tage nicht aufgrund der Inkubationszeit der Krankheit gewählt waren, sondern dass der Grund für diesen Zeitraum vielmehr religiöser Natur war – über die Zahl Vierzig stolpert man nämlich in der Bibel andauernd. Die bekanntesten Beispiele sind:


  • Die Sintflut schüttete vierzig Tage.

  • Der Auszug der Israeliten aus Ägypten dauerte vierzig Jahre.

  • Moses verbrachte vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg Sinai, um die Zehn Gebote zu empfangen.


Aber am besten gefällt mir, was im Neuen Testament steht: «Erfüllt vom Heiligen Geist, verliess Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher.» Sie merken schon. Und weiter: «Dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über ass er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger.»


Gut, ob der letzte Teil nicht etwas zu banal ist, um darüber in der Bibel zu berichten… Aber – so wie Jesus damals gefastet hat, wäre es auch für die Fastnächtler von heute vorgesehen: Vierzig Tage dauert nämlich die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern. Eine verkaterte Guggenmusikerin zu einer Diät aufzufordern ist allerdings genauso eine gute Idee, wie die Fastnacht abzusagen; wir haben alle gesehen, was dabei herauskommt. Hätte man die Fastnacht einfach um vierzig Tage verschieben können, hätte man in Basel vielleicht kein «Schyssdräggziigli» vor dem Rathaus gehabt.


Aber nicht alles dauert vierzig Tage. Leider.

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© 2020 by martinellitext

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