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  • Jelena Martinelli

Masterarbeit schreiben: Survival-Guide in 13 Schritten

Aktualisiert: 14. Jan.

Sie wollen dieses Jahr eine Masterarbeit schreiben? Tut mir leid, dass ich Ihnen das jetzt so sage: Es gibt Vorsätze fürs 2023, die sind leichter umzusetzen als etwas, das Master-Veteranen auch «Monsterarbeit» nennen – zum Beispiel eine Sekte gründen und deren oberster Guru werden. Oder im Coop etwas finden, das seit Jahresbeginn nicht einen Preis(hoch)sprung gemacht hätte.


Sagen Sie später also nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Klar, es wird vermutlich kein Blut fliessen und auch Schweiss ist nichts, das beim Sitzen am Schreibtisch eimerweise vergossen wird. Aber so gewiss, wie Churchill «blood, sweat, toil and tears» gesagt hat, so sicher wird Ihnen ab jetzt Augenwasser den Blick trüben für Ihr grosses Ziel, und zwar jedes Mal, wenn Sie sich mitten in der Nacht an Ihre Arbeit hocken. Spätestens ab Woche 7 werden Sie zudem laut wehklagen und sich fragen, warum zum Teufel Sie sich das eigentlich antun.


Um Ihre Masterarbeit durchzuzuziehen, brauchen Sie also mehr als Durchhalteparolen. Sie brauchen eine Strategie. Eigentlich einen Survival-Guide.


300 Stunden in 16 Wochen – easy. Oder?


Zum Glück für Sie habe ich jemanden aufgetrieben, der Ahnung hat und Ihnen ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben kann. Kim Gosteli heisst der Mann; er ist bereits durch dieses Tal der Tränen gewatet, das noch auf Sie wartet wie die Totensümpfe vor Mordor.


Denn letztes Jahr hat Kim seinen Master in Wirtschaftspsychologie gemacht und dafür ein über 100-seitiges Traktat mit dem Titel Arbeits- und motivationsfördernde Massnahmen zur Verbesserung der Leistungsergebnisse im Contact Center geschrieben. Als er im Dezember 2021 loslegte, sei er noch «naiv» gewesen, wie er heute sagt. 300 Stunden in 16 Wochen lautete die Vorgabe und Erwartung von Kims Hochschule, der PHW Bern, und Kim dachte: Easy, dieses Kind schaukle ich auch noch neben meinem dritten CAS und dem 100-Prozent-Führungsjob beim Kanton.


Das Resultat: Der Kim Gosteli, der seine Arbeit im April 2022 abgab, war ein anderer Mensch als jener optimistische junge Mann dreieinhalb Monate zuvor – heute klingt er ein bisschen wie einer, der eine vierköpfige Familie mitsamt Hund aus einem brennenden Haus gezogen und dabei Kräfte mobilisiert hat, über die er sich im Nachhinein selbst wundert. Rückblickend sagt Kim: «Der Körper ist schon etwas Wahnsinniges – was er alles verarbeiten, hinter sich lassen und wie er danach einfach weitermachen kann...»


Sie schaffen das


Sollte Ihnen jetzt der Schreck in die Glieder gefahren sein, es steckt auch eine gute Nachricht in Kims letztem Satz, der – richtig – ein kleines Martyrium beschreibt. Sie lautet: Wenn es Kims Körper geschafft hat, dann schafft es Ihrer auch.


(Gell, Sie wissen, dass ich Ihnen das alles mit einem Augenzwinkern erzähle. Obwohl – eher mit einem halben Augenzwinkern. Nicht, dass Sie übermütig werden.)


Jedenfalls: Es war ein steiniger Weg, aber nichtsdestotrotz hat Kim sein Studium abgeschlossen. Und zwar mit der stolzen Gesamtnote von 5.7. Seine Tipps sind deshalb Gold wert. Hier kommt er also, Kim Gostelis Monsterarbeit, pardon, Masterarbeit-Survival-Guide für Sie.



Der Masterarbeit-Survival-Guide in 13 Schritten


Vor dem Schreiben


Schritt 1: Streichen Sie alles Überflüssige aus Ihrem Leben


Oder zumindest das, was Sie während der nächsten 16 Wochen Zeit kostet und von Ihrem Ziel ablenkt.


Freunde zum Beispiel. Oder ein 100-Prozent-Job.


Denn 300 Stunden in 16 Wochen bedeuten einen Zusatzaufwand von ca. 75 Stunden pro Monat oder 16 Stunden in der Woche. Da haben Sie keine Zeit, auch noch durch Beizen zu touren oder an Firmenapéros herumzustehen. Das sah auch Kim ein: «Mein Arbeitspensum reduzierte ich auf 80 Prozent und zog mich auch privat zurück. Besonders schwer für mich war es, meine Freunde zu enttäuschen, denn normalerweise bin ich ein Socializer. Aber nur so war es machbar.»


Die gute Nachricht ist jedoch: Kims Freunde waren nach den 16 Wochen alle noch da. Und der Job sowieso.


Schritt 2: Sind Sie eher der Winter- oder der Sommertyp?


Nein, es geht nicht um Ihren Modestil – sondern Sie sollen entscheiden, ob Sie sich lieber einen Winter oder einen Sommer lang Ihrer Arbeit widmen wollen. Können Sie auf Strandpartys und Limoncello-Spritz verzichten oder sind Ihnen Glühwein und Skiferien Wurst? Wann können Sie sich eher einbunkern, um zu schreiben? «Für mich war klar das Wintersemester besser, denn im Winter bin ich sowieso gerne drin und kann mich aufs Schreiben konzentrieren», sagt Kim. «Aber auf den Sommer verzichten? Keine Chance.»


Schritt 3: Tick-Tack. Hören Sie auf Ihre innere Uhr.


Lerche oder Eule? Oder anders gefragt: Sind sie ein Morgen- oder Abendmensch? Wann fällt Ihnen das Schreiben leichter? Dazu Kim: «Ich musste ein bisschen herumprobieren, bis ich herausfand, wie ich ticke. Schreiben am Morgen, das ging nicht. Da war ich wie blockiert. Erst am Abend kam ich in den Flow. Aber dann lief’s umso besser.»


Schritt 4: Visualisieren Sie Ihre Meilensteine


«Mir half es, meine Meilensteine auf dem Weg zur fertigen Arbeit auf einem Zeitstrahl festzuhalten. Besonders, wenn es schwierig wurde, war mir die Visualisierung eine Stütze», sagt Kim. Dazu teilte er seine 300 Stunden auf einer Zeitachse auf und sah so ein klares Bild vor sich: «Am 1. Februar ist dieser Meilenstein zu erreichen, am 1. März jener.» Damit hatte Kim auch einen soliden Arbeitsplan, der ihm Sicherheit gab. «So habe ich gesehen: Ich muss zwar viel für diese Arbeit tun, aber es ist machbar.»


Schritt 5: Finden Sie Ihren Samweis Gamdschie…


In «Herr der Ringe» ist Samweis «Sam» Gamdschie der Freund und Begleiter von Frodo Beutlin auf dessen Weg nach Mordor. Auch Kim Gosteli hatte seinen Sam, der zur gleichen Zeit wie er seine Masterarbeit schrieb. «Dominik war sehr wichtig für mich», erzählt Kim. «Ich konnte ihn um kritisches Feedback zu Textpassagen bitten, aber wir konnten uns auch gegenseitig motivieren, wenn einer mal einen Durchhänger hatte.» Wenn man 16 Wochen lang zurückgezogen wie ein Eremit lebt, hilft es, einen Weggefährten zu haben. Gehen Sie also nicht allein auf die Reise. Finden Sie Ihren Sam.


Schritt 6: … und Ihren Gandalf


Vielleicht hinkt dieser Vergleich ein bisschen. Doch der ideale Dozent ist einer wie Gandalf, ein Weiser, der nicht nur im Elfenbeinturm sitzt, sondern auch mal runterkommt (etwas viel Pathos, schon klar). Jedenfalls sagt Kim zu seiner Dozentenwahl: «Ich wollte einfach den Höchstdekorierten haben.» Einen Meister seines Fachs und jemanden, den er beeindrucken wollte; wobei vor allem Letzteres eine gute Idee ist, denn es lässt eine Sogwirkung entstehen – Sie geben automatisch Ihr Bestes.


Während des Schreibens


Schritt 7: Nutzen Sie Bücher von Fachautoren, die verständlich schreiben


«Diesen Atteslander konnte ich im Stehen oder Liegen lesen – ich verstand ihn einfach nicht», so Kim über einen der Fachbuchautoren. Steven Pinker, Psychologe, Linguist und Harvard-Professor, bestätigt: Einige der klügsten Köpfe schreiben ganz schrecklich (Grund dafür sei der «curse of knowledge», sagt Pinker in seinem Buch «The sense of style»). Dass er gewisse Sätze dreimal lesen musste, lag also nicht an Kim, sondern an Atteslander – was kein Trost war, zumal Atteslanders Werk «Methoden der empirischen Sozialforschung» Kim unnötig Zeit und Nerven kostete. Daher auch Kims Tipp: «Macht es euch nicht unnötig schwer; wählt Literatur, die verständlich geschrieben ist.»


Schritt 8: Blockieren Sie sich ganze Tage


Sich abends ein, zwei Stunden hinsetzen und schreiben – kann klappen. Für Kim hat es nicht funktioniert. Er befolgte den Rat seiner Schule und blockierte sich lieber ganze Tage. «So habe ich mir zum Beispiel das ganze Wochenende nur fürs Schreiben reserviert.» Bevor er aber jeweils loslegte, kümmerte er sich zuerst um sich und seine Bedürfnisse. «Self-care ist wichtig», sagt der Wirtschaftspsychologe. Danach konnte er schreiben.


Schritt 9: Führen Sie ein Zeitkonto – und belohnen Sie sich


«Wenn ich vier Stunden für meine Arbeit aufgewendet hatte, schrieb ich mir diese in einem fiktiven Zeitkonto gut», erklärt Kim. Die Idee dahinter: Nach Abschluss des Studiums wollte er die so gesammelte Zeit in eine Reise nach Paris investieren. Das hat Kim zwar bis heute nicht gemacht, aber zumindest hat die Karotte vor der Nase dafür gesorgt, dass er motiviert blieb.


Schritt 10: Schreibblockaden sind da, um überwunden zu werden


Die Blockaden werden kommen, so sicher wie die Zürcher Polizei sie am 1. Mai errichtet. Sie sind ihnen jedoch nicht hilflos ausgeliefert. Kim zum Beispiel hat sie mit einer sehr einfachen, aber effektiven Strategie überwunden. Er sagt: «Ich habe mir kleine, überschaubare Ziele gesetzt – mir also nicht zu viel vorgenommen, sondern gesagt: Heute machst du nur einen kleinen Teil. Aber den bringst du zu Ende.»


Schritt 11: Schreiben ist Überarbeiten


«Zuerst habe ich den Text im Sinne eines ersten Entwurfs geschrieben. Dieser ging dann an die Lektorin, die Fragen dazu gestellt hat – zum Teil sehr detaillierte Fragen. Daraufhin habe ich das Geschriebene überarbeitet», so Kim über seinen Schreibprozess. Auch wenn es schmerzhaft ist, wenn jemand Ihren Text kritisch beurteilt – holen Sie sich dieses Feedback trotzdem und überarbeiten Sie Ihren Text mindestens einmal. Denn erst beim Überarbeiten entsteht etwas wirklich Brauchbares. Das wird Ihnen jeder Schreibprofi bestätigen.


(In der Bewertung von Kims Arbeit hiess es übrigens: «Die Orthographie ist tadellos (keine Rechtschreib- oder Fallfehler), der Stil verständlich und im Sinne einer Masterarbeit wissenschaftlich formuliert. Die Begriffe werden sicher und korrekt verwendet.» Volle Punktzahl. Bäm.)


Schritt 12: Just do it


Das fiese Feedback der Lektorin, das Kauderwelsch der Fachautoren, der Umfang der Arbeit, der Zeitdruck, die Müdigkeit – und obendrein die Stimme, die irgendwo unter der Schädeldecke flüstert: «Was, wenn’s nicht gut wird?» Manchmal möchte man einfach hinschmeissen. Sein altes Leben zurück haben. Mit den Freunden um die Häuser ziehen und sich selbst unter den Tisch saufen. Solche Momente kommen. «Dann muss man das halt ignorieren und weitermachen», sagt Kim. Denn so wie ein Marathonlauf aller Plackerei zum Trotz in einem Endorphinrausch endet, so wird auch Ihre Masterarbeit Sie mit Stolz erfüllen. Sofern Sie sie denn dranbleiben. Vertrauen Sie also darauf, dass es gut kommt – und just do it.



Nach dem Schreiben


Schritt 13: Zelebrieren Sie


Wie Sie das machen wollen, ist Ihnen überlassen. Für Kim war es wichtig, einen Deckel draufzumachen – und zwar einen Buchdeckel: «Beruflich gesehen waren das die intensivsten 16 Wochen meines Lebens. Aber es war auch die Zeit, in der ich am meisten über mich gelernt habe. Deshalb wollte ich es mir nicht nehmen lassen, den Text zu einem schönen Buch binden zu lassen – für mich selbst, aber auch für die Leute, die mich begleitet haben. Das war meine Art, meinen Abschluss zu zelebrieren.»


Dem gibt es nichts hinzuzufügen – ausser vielleicht die hypothetische Frage: Was wäre eigentlich gewesen, hätte Kim seine Masterarbeit nicht geschrieben? Vermutlich würde er jetzt in einem Sport-Coupé herumkurven. Denn so ein Studium kostet. «Ja, andere kaufen sich ein Auto», sagt Kim und lacht. Andererseits haben sich seit seinem Abschluss für Kim mehr als nur Autotüren aufgetan: Er hat von seinem Arbeitgeber ein Budget bekommen, um die Empfehlungen aus seiner Masterarbeit umzusetzen. Ausserdem ist er Dozent in einem CAS-Lehrgang geworden. Und so wie ich Kim kenne, war das erst der Anfang.



Sie schreiben eine Masterarbeit und wollen sich über ein Lektorat informieren? Schreiben Sie mir oder rufen Sie mich an: Kontakt




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