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  • Jelena Martinelli

Lange Sätze? Ja, bitte - aber nur mit der 3-Sekunden-Regel

Kurze Sätze sind besser als lange, stimmt’s? Denn nach 15 Wörtern hängen die meisten Leute ab und wer es wagt, einen Satz von mehr als 30 Wörtern zu schreiben, der ist von gestern und hat nicht verstanden, dass der moderne Mensch die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches hat – also höchstens ein paar Sekunden. Was nicht reicht, um einen längeren Satz zu erfassen.


So wird es einem in Schreibkursen beigebracht und so steht es in unzähligen Blogs der Textprofis. Aber stimmt es auch? Wolf Schneider, «Deutschpapst» und lange Jahre Leiter einer renommierten Journalistenschule in Deutschland, sagt: Kurze Sätze garantieren für gar nichts. Denn auch sie könne man miserabel bauen.


«Vor vor dem Rathaus unbefugt abgestellten Kraftfahrzeugen wird gewarnt.»

Dieser Satz ist kurz – und scheusslich. Man muss ihn mehrmals lesen, um ihn zu begreifen. Denn bis man erfährt, dass «gewarnt» wird, hat man schon längst wieder vergessen, wovor. Es geht also nicht um Länge, sondern um Verständlichkeit. Und die erreicht man problemlos, wenn man die 3-Sekunden-Regel beachtet. Auch bei langen Sätzen.


Die Regel lautet gemäss Wolf Schneider wie folgt:


Für unser Bewusstsein ist die Gegenwart ein Fenster, das sich jeweils für zwei bis drei Sekunden öffnet. Was zwei Sekunden dauert, empfinden wir als zusammenhängend. Was drei Sekunden überschreitet, nicht mehr. In einem Satz muss man also innert drei Sekunden erkennen können, was zusammengehört. Drei Sekunden – das sind sechs Wörter oder zwölf Silben.


Doch wie schaffen Sie es, eine gedankliche Einheit in sechs Wörtern oder zwölf Silben abzubilden? Ganz einfach. Und zwar indem Sie:


1. … keine Nebensätze in den Hauptsatz schieben.

Also nicht: «Die Firma hat gemäss Jahresbericht, der dieses Jahr zum ersten Mal von einer externen Textagentur verfasst und dem Vorstand nur noch zum Abnicken vorgelegt worden ist, einen Verlust eingefahren.»


Sondern: «Die Firma hat einen Verlust eingefahren, was im Jahresbericht steht, der dieses Jahr von einer externen Textagentur … »


2. … Artikel und Substantiv aneinanderschieben, also keine Attribute voranstellen.

Also nicht: «Der dieses Jahr zum ersten Mal von einer externen Textagentur verfasste und vom Vorstand nur noch abgenickte Jahresbericht …. »


Sondern: «Der Jahresbericht, der von einer externen Textagentur …»



3. … die beiden Hälften eines mehrteiligen Verbs zusammenschieben.

Also nicht (und jetzt folgt ein echtes Beispiel, von Wolf Schneider höchstpersönlich gefunden): «In und um München wird sich die Süddeutsche Zeitung künftig auf den für ihre Leserschaft und den Anzeigenmarkt massgeblichen Wirtschaftsraum mit seinem Grossstadtpublikum und den nach München orientierten Berufs-, Einkaufs- und Freizeitpendlern in den Landkreisen München, Dachau, Fürstenfeldbruck, Starnberg, Ebersberg sowie Teilen der Landkreise Freising, Erding und Wolfratshausen konzentrieren


Sondern: «Die Süddeutsche Zeitung wird sich auf den Wirtschaftsraum konzentrieren, der …»

Aber warum braucht es überhaupt lange Sätze, wenn sie einen sowieso nur dazu verleiten, unverständlich zu schreiben? Na, weil wenn Ihr Text ausschliesslich aus kurzen Sätzen besteht, dann klingt das, als würden Sie mit Asthma die Treppe hochsteigen und dabei etwas erzählen. «Die Geschäftsleitung hat getagt. Der Jahresbericht wurde verabschiedet. Coronabedingt wurde ein Verlust eingefahren. Nächstes Jahr wird mit Gewinn gerechnet.» Und das klingt ja auch nicht besonders schön.



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